Themenfreitag: Leistungsschwächen


Als Lehrer steht man am Montag in der ersten Stunde in der Klasse und will mit den Kindern gemeinsam im Buch etwas rechnen. Die SchülerInnen sollen eine bestimmte Seite aufschlagen und nach drei gemeinsame Beispielen alleine weiterrechnen. Nach 20 min bemerkt man allerdings, wie unterschiedlich das Arbeitstempo und auch die Leistung sind. Zwei Kinder haben alle Beispiele gelöst, während drei andere noch im falschen Buch herumblättern. Zwei Mädchen schreiben falsche Beispiele von einander ab, während ein anderer Bub noch immer in der 3. Klasse mit den Fingern rechnet. Ja, Klassen sind so unterschiedlich. Keine Klasse ist wie die andere, kein Kind ist wie das andere.

Leistungsabfall

Bemerkt man bei einem Kind, das man schon seit einiger Zeit unterrichten darf, einen Leistungsabfall, muss man natürlich in erster Linie ein Elterngespräch führen. Deckt immer folgende Fragen ab: Wieso kommt es zur schlechteren Leistung? Haben die Eltern ähnliches bemerkt? Wie laufen die Hausübungen? Gibt es Unterstützung beim Lernen/Üben zuhause? Wie ist der Tagesablauf während der Schultage? Wann geht das Kind abends schlafen? Gibt es Stressfaktoren für das Kind (Umzug, Trennung, Todesfall, Druck, neues Geschwisterchen,...)?

Versucht also herauszufinden, ob es äußerliche Faktoren gibt.

Fragt euch am besten selbst vor dem Elterngespräch: Gibt es Änderungen in der Klasse (Lehrerwechsel, anderer Sitznachbar,...), auf die das Kind möglicherweise reagiert? Braucht das Kind mehrere Erklärungen? Wie sehen die Leistungen im Detail aus (HÜ, Schulübung, Freiarbeit,...)?

Weist die Eltern darauf hin, dass es zu einem Leistungsabfall gekommen ist, nennt aber dennoch IMMER Stärken des Kindes! Es wird in denkommenden Wochen auch einmal einen Beitrag zum Thema Elterngespräche geben.


Möglichkeiten innerhalb der Klasse

Was kann ich selbst im Unterricht tun, um einem Leistungsabfall entgegenzuwirken?


Differenzierung:

Vielleicht braucht dieses Kind für einen gewissen Zeitraum, oder zu einem bestimmten Thema einfach mehr Zeit oder mehr Erklärungen. Versuche die genaue Schwäche (zb. zählendes Rechnen, Probleme beim Zehnerübergang,...) herauszufiltern und biete Übungsmethoden und Möglichkeiten an, um diese Defizite zu beheben. Einen genauen Artikel zum Thema DIFFERENZIERUNG findest du in diesem BLOGBEITRAG.


Positiver Verstärker:

Manchmal hilft auch ein kleines Belohnungssystem. Ist das Kind beispielsweise aus welchen Gründen auch immer, momentan eher unmotiviert, kann man mit einem einfachen Feedbackbogen animieren. Nach Absprache mit den Eltern kann man im Mitteilungsheft einen Zettel einlegen, auf dem die Wochentage stehen. Hier bekommt das Kind jeden Tag eine kurze Rückmeldung, wie das Arbeitsverhalten war - Sticker, Stempel oder trauriges Gesicht. Auch können die Eltern vermerken, wie die Bereitschaft beim Schreiben der Hausübung war.


Umstellen des Unterrichts:

Ich habe selbst einen Umstieg von Frontalunterricht auf Freiarbeit gewagt, weil ich gemerkt habe, dass ich mit Frontalunterricht nicht auf alle Kinder gut genug eingehen kann. Nach der Umstellung kam es bei einem Mädchen dazu, dass sie vorher fast die zweite Klasse wiederholen musste, durch die Lernwerkstatt aber so motiviert war, dass sie am Ende der 4. Klasse mit Gymnasienreife abgeschlossen hat. Mehr Informationen gibt es in diesem Blogbeitrag und in meinen Onlineworkshops.


Hilfe holen

Sollte das alles nicht helfen, muss/kann man sich Hilfe holen. Je nach Schulstandort gibt es Beratungslehrerinnen, sowie Lehrer für Rechtschreibschwächen und/oder Rechenschwächen. Diese können an die Schule geholt werden, oder sind bereits an der Schule tätig. Nach einer kurzen Austestung zeichen sich dann oftmals die Probleme und man kann Tipps für die Eltern und auch für den eigenen Unterricht erfragen, wie man dem entgegenwirken kann.


Förderstunden/Kurse

Oft ist es möglich, die Kinder, bei denen beispielsweise eine Rechenschwäche erkannt wurde, in Förderstunden direkt in der Schule anzumelden. Das ist natürlich sehr sinnvoll, weil die Eltern keine Kosten tragen müssen und die Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben können. Sprecht mit denEltern aber auf alle Fälle auch darüber, dass die Kinder auch Hilfe außerhalb der Schule in Anspruch nehmen sollen. Die Hausübungen und das Lernen für Schularbeiten laufen meist besser, wenn sich nicht Familienmitglieder darum kümmern - oftmals "stört" hier das Beziehungsverhältnis zu den Kindern die Leistungsbereitschaft.


Sonderpädagogischer Förderbedarf

Sollte das alles nichts nützen und eine (wieder) negative Note am Ende des Schuljahres drohen, kann man einen sonderpädagogischen Förderbedarf beantragen. Ich spreche hier von Ablauf in Österreich (!).

Erstmals soll man als Lehrer alle möglichen Versuche starten, das Kind zu fördern (Förderstunden, Austestungen, Elterngespräche, Differenzierungen,...). Außerdem wird eine Schulpsychologin beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Anschließend kommt, nach Absprache und Einwilligung der Eltern zum Stellen des Antrags, ein Lehrer von außerhalb zum erneuten Austesten der Lernschwäche des Kindes. Dieser erstellt auch ein Gutachten, woraufhin dann entschieden wird, welchen Lehrplan das Kind in Zukunft verfolgen wird.



Wichtig bei diesem ganzen Ablauf:


Seid für das Kind da! Das Kind bekommt die Veränderungen, die Austestungen und Elterngespräche mit. Es spürt die Angst und Sorge der Eltern und kann große Unsicherheiten entwickeln. Stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes und macht ihm klar, dass es eine große Ehre ist, dass so viele Lehrerinnen es kennenlernen und mit ihm arbeiten wollen. Es soll keine unangenehme Situation werden, sondern mehr ein freudiges Präsentieren des eigenen Könnens. Auch die Eltern muss man besänftigen. Ein sonderpädagogischer Förderbedarf ist nichts Schlimmes, auch wenn viele das denken. Dieser kann auch wieder aufgehoben werden, wenn eine entsprechende Leistungssteigerung vorhanden ist. Das einzige, das in diesem Moment zählt, ist:

Das Kind ist zur Zeit überfordert und muss da abgeholt werden, wo es ist. Sonst drohen Versagensangst, enormer Druck und sogar Schulangst. Das wichtigste ist doch, dass das Kind die Freude an der Schule beibehält!

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