Themenfreitag: Verhaltensauffälligkeit


Wie schon beim Thema Differenzierung angesprochen, ist keine Klasse homogen. Und das ist auch gut so. Leider macht das die Arbeit für uns Lehrer aber stressiger und herausfordender. Ein besonderes Augenmerk lege ich da auf Kinder, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Da spreche ich jetzt nicht von unruhigen Kindern, die einfach einen ausgeprägten Bewegungsdrang haben oder nicht aufzeigen. Ich möchte in diesem Beitrag über die Kinder sprechen, die diagnostizierte Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Für einen weiteren Beitrag plane ich allerdings schon, die allgemein unruhigen Kinder anzusprechen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann.

In den letzten Jahren hatte ich auch schon einige Kinder, mit besonderen Bedürfnissen. Ich bin da aber auf keinen Fall ein Profi, ich kann euch nur Tipps im Umgang mit den Kindern geben, die meinen Fällen ähneln.


Stress und Alltag

Man kommt in der Früh in die Klasse, hat noch vier Buchstapel zu verbessern, die die letzten Tage liegen geblieben sind. Noch vor der ersten Stunde stehen 2 ungeplante Elterngespräche an, weil es gestern wieder Streit zwischen den zwei üblichen SchülerInnen gab. Danach kommt die Direktorin gerade zu Stundenbeginn in die Klasse, während sich die Kinder überhaupt nicht benehmen können und schon ist das Stresslevel für diesen Tag erreicht. Dann braucht man nicht auch noch Kinder, die extrem sensibel sind und auf Stress stark reagieren. Tja, die gibt es aber. Im heutigen Beitrag möchte ich kurz einige Kinder (erfunden) vorstellen. Da aber jede "Verhaltensauffälligkeit" an sich sehr komplex ist, wird es dazu auch eigene Themenfreitage geben.


Familiäre Hintergründe

Als Lehrer bekommt man oft einen kleinen Einblick, wie es daheim bei den entsprechenden Kindern zugeht. Allerdings wird man nie die gesamte Wahrheit erfahren. Meistens bekommt man dieses Kind, nennen wir es Anton, mit dem Vermerk der Schulleitung, dass der Bub schon die 4. Schule besucht, weil er nie irgendwo "hineingepasst" hat. Bei Anton erfährt man noch folgende Informationen: Anton hat eine Schwester, die mit 16 schwanger geworden ist. Die Mutter unterschreibt kaum Elternbriefe, ist arbeitslos, die Kinder ungepflegt und Schulsachen sind unvollständig. Vom Vater gibt es keine Spur, der bereits 5. Stiefvater hat eine ausgeprägte Bierleidenschaft, was man auch riechen kann. Na das kann ja was werden.

Anton kommt am ersten Tag in die Schule und mach direkt Probleme. Die anderen Kinder meiden oder ärgern ihn, er riecht ja auch stark. Keiner will neben ihm sitzen, so schreit Anton nach Aufmerksamkeit, wird laut, bleibt nicht sitzen und wirft in der Pause lachend Gegenstände nach den Kindern. Oh mein Gott, das wird ein langes Schuljahr!

Ja, so kann das tatsächlich laufen. Was macht man? Wie kann man solche Situationen vermeiden? Wieso macht Anton das?


Vorbereitung Klasse/Lehrer

Weiß man, dass man ein Kind bekommt, das solche sozialen Hintergründe hat, muss man einiges vorbereiten, solang man früh genug erfährt, dass das Kind zu einem in die Klasse kommt. Vorab schadet es nie, die Klasse auf den neuen Mitschüler vorzubereiten. Gemeinsam ein Willkommensplakat basteln, ein Heftchen, in dem sich alle Kinder vorstellen, ein kleines Fotobuch erstellen als Geschenk oder gemeinsam ein Gedicht einstudieren - das sind Dinge, die den Kindern Freude machen und auch das ankommende Kind sicherlich freuen. Die Vorfreude auf das neue Kind wird steigen und vermutlich wird dieses besser aufgenommen, als wenn es plötzlich vor der Türe steht. Soziale Spiele (hier ein passendes Paket) sind im Vorhinein auch immer hilfreich. Vor allem das Thema Rücksichtnahme/Hilfsbereitschaft sollten thematisiert werden. Der Klasse würde ich nicht die Hintergründe von Anton schildern, aber sie in Sachunterricht aufklären, dass es Kinder gibt, die zb.: nicht viel Geld haben.

Als Lehrer kann man sich vorab schon mit den entsprechenden Beratungslehrerinnen, Betreuungspersonen oder Jugendamt in Verbindung setzen und vorfühlen. Ich kann auch sehr den deutschen unfassbar guten Film "Systemsprenger" empfehlen!! (Werbung unbezahlt)

Kinder haben immer einen Grund, warum sie so sind, wie sie sind. Manchmal liegen einfach psychische Probleme vor, manchmal ist das Elternhaus nicht unschuldig. Macht euch ein Bild und stellt euch vor, wie der Alltag des Kindes abläuft - außerhalb der Schule. Meist steckt leider viel mehr dahinter, als einfach nur ein lautes Kind, das ein anderes verletzt. Warum hat er das gemacht? War das andere Kind schuld? Hat Anton am Wochenende etwas Schlimmes erlebt? Gab es daheim Probleme? Hat sich sein Vater nach Jahren wieder gemeldet? Hat das andere Kind unwissentlich etwas gesagt, das Anton triggert?


Reaktion auf unerwartete Situationen

Über die Beziehungsebene kann man so viel bei den Kindern erreichen! Sei Lehrer, aber sei auch Freund, Mama, Psychologe, Klassenclown,... Du gibst klare Regeln vor, schnappst dir aber Anton auch auf die Seite, gibst ihm die Möglichkeit sich zu beruhigen (auch gerne räumlich getrennt), umarmst ihn mit den Worten "Ich verstehe, dass du gerade sehr aufgebracht bist. Ich bin da!" und suchst das Gespräch mit ihm, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Das muss nicht immer sofort sein. Das kann an dem nächsten Tag sein.

Leider gibt es hierfür kein RICHTIG und FALSCH. Stell dir vor, es ist dein Kind. Hinterfrage, berate und sei einfühlsam. Verstehe die Signale des Kindes. Nimm dir in ruhigen Unterrichtsphasen Zeit und beobachte ausschließlich Anton, wie er mit anderen Kindern umgeht, wie er reagiert und agiert - auch in stressfreien Momenten. Aber grundsätzlich ist nie falsch:


Hat das Kind eine Beziehung zu dir und vertraut dir, dann hast du gewonnen!


Das bedeutet nicht, Freundlichkeit vorzuspielen. Die Kinder merken genau, ob man sie wirklich mag, oder ob man nur spielt. Deshalb führe dir immer vor Augen: Anton hat es so schwer in seinem Leben. Er hat sich sein Leben so nicht ausgesucht, wurde in eine schwierige Familie geboren und bekommt zu wenig Liebe und Unterstützung. Die Schule soll zumindest sein sicherer Hafen sein. Er soll sich zumindest vormittags zuhause, sicher und geborgen fühlen können, auch wenn man mal streitet.


Mutismus

Ich habe selbst schon ein Kind vier Jahre lang begleiten dürfen, das selektiven Mutismus diagnostiziert hatte. Das Mädchen, nennen wir es Diana, wurde in einer liebevollen Familie groß, hatte aber nicht die Möglichkeit zu sprechen. Nicht körperlich! Diana hat ausschließlich gesprochen, wenn sie mit mir oder ihrer besten Freundin gesprochen hat. Alle anderen haben fast 4 Jahre lang nie ihre wundervolle Stimme hören dürfen. Wieso? KEINE AHNUNG!


Diana spricht nicht, egal wie klein die Gruppe ist. Diana zeigt nicht auf, sie würde sich zu beobachtet fühlen. Diana würde niemals an der Tafel etwas schreiben. Diana würde nie eine Turnübung vorzeigen. Diana würde auch nie eine Karte im Sitzkreis aufheben und zuordnen.


Mündliche Mitarbeit negativ. Ja, im Frontalunterricht wäre das so! In der Lernwerkstatt hat Diana aber überall mitgemacht und konnte mit einem Zweier und lauter Einsern am Ende der vierten Klasse abschließen! Auch Diana ist Thema in meinen Workshops zur Freiarbeit - wie man Integrationskinder im Unterricht einbeziehen kann, erkläre ich hier.


Auch hier hat mir wieder sehr geholfen: Beziehung, Beziehung, Beziehung!

Diana hat mit mir gesprochen, hat sogar mit ihrer Freundin Sprachspiele gespielt und am Ende der vierten Klasse in unserem Klassenfilm sogar eine Sprechrolle übernommen! Den Film durften wir dann der ganzen Schule und allen Eltern vorspielen. Das war eine unfassbare Steigerung für das Kind und Mama und Papa haben Tränen geweint vor Stolz!


In den nächsten Wochen wird es einen ausführlichen Beitrag über Mutismus geben.


Autismus

Auch zwei Autisten durfte ich in den letzten Jahren begleiten - beide zufällig sogar mit dem gleichen Vornamen. Nennen wir die Buben Ralf.

Der erste Ralf war in einer Sonderschule. Die familiären Verhältnisse kenne ich nicht, aber der Bub war unfassbar niedlich. Er war sehr in seiner Welt, weit weg von Inselbegabungen und noch weiter weg von Angst vor Berührungen. Er klebte den ganzen Tag auf mir drauf, wollte kaum von meinem Schoß und suchte die Liebe und Nähe.

Ralf Nr2. begegnete mir in einer anderen Schule und ihn durfte ich 4 Jahre lang begleiten. Der Kontakt besteht bis heute zwischen seiner Mutter und mir. Ralf ist ein unfassbar liebevoller und ruhiger Kerl, liebt Kuscheleinheiten und kann durchaus Augenkontakt halten, wenn er eine Person gerne mag. Schreiben, rechnen und lesen lernte er, allerdings langsamer als andere. Dafür merkte er sich unfassbar viel aus Sachunterricht, kannte Englischvokabeln, die die anderen Kinder seit Wochen nicht mehr wussten und hatte ein unglaubliches Allgemeinwissen. Außerdem brauchte Ralf bis zum Ende des zweiten Schuljahres, um sich die Namen der Mitschüler zu merken, wurde aber von allen in der Klasse respektiert und geliebt, weil er (Zitat) "so unfassbar niedlich" war. Er war anders, aber genau das liebten die anderen. Mit einem Mitschüler hat er sogar heute noch Kontakt (3 Jahre nach dem Ende der VS).


Beide Ralfs waren sich vom Wesen her sehr ähnlich, und doch auch wieder zu verschieden. In das typische Bild des Autisten passt keiner von beiden und dennoch wurde es diagnostiziert, natürlich zurecht!


Wenn es um diese oder eine ähnliche Form des Autismus geht, kann man auch immer mit Beziehung punkten. Meine Ralfs waren meine Babys, sie durften mit uns Lehrern Kaffee machen, beim Kopieren helfen und einer bekam sogar ein eigenes Zelt in der Klasse, um darin in Ruhe lesen zu können. Beide Ralfs brauchten und verlangten Einzelplätze - so konnten sie ungestört lernen.


Strategien

Die richtige Strategie gibt es leider nicht. Eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen, sind aber essentiell. So kann man viel mehr erreichen und die Kinder zu viel mehr motivieren. Gerade als Lehrer muss man lernen, Abstriche zu machen. Bei Kindern mit ähnlichen Diagnosen darf es auch mal sein, dass nichts weitergeht. Machmal muss das Kind in der Schule einfach zu sich selbst finden und nicht unbedingt den neuen Stoff lernen. Ihr dürft und müsst darauf Rücksicht nehmen.



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