Themenfreitag: Sexualerziehung


Ich weiß, dass ein großer Teil der Lehrerinnen und Lehrer dieses Thema sehr ungern im Unterricht besprechen. Aber warum? Ich habe einmal eine Umfrage veranstaltet, dabei kam heraus, dass die größten Sorgen folgende sind:

- Unangenehme Fragen (Stellungen, Vorlieben,...)

- Man ist selbst peinlich berührt, wenn man über Sex spricht

- Unwissenheit in einigen Bereichen


Die Sorgen kann ich natürlich verstehen und es ist wichtig zu wissen: Auch ihr müsst nicht alles wissen! Geschlechtsteile oder Vorgänge laut auszusprechen vor 25 Kindern ist natürlich auch für uns Lehrer manchmal befremdlich - vor allem wenn man die hochroten Köpfe der Kinder dabei sieht und selbst ernst bleiben will. Aber warum nicht lachen? Im folgenden Beitrag findet ihr einige Tipps, die mir bei Stunden zur Sexualerziehung irrsinnig geholfen haben.

Recherche/Vorwissen

Manchmal ist es echt erschreckend, wie wenig man selbst über seinen eigenen Körper weiß. Auch mir ging das so. Vor meiner Schwangerschaft habe ich gelesen - viel gelesen! Über Eisprung, Befruchtung, Mythen und und und! Auch über die weibliche Anatomie habe ich viel gelernt und war unfassbar überrascht, wie wenig Ahnung ich im Vorhinein hatte.

Natürlich muss man sich vorab informieren. Klar, der Körper funktioniert auch, wenn man die Teile nicht benennen kann, aber bevor man eine Stunde zu dem Thema abhält, sollte man da schon Bescheid wissen. So viele Eltern besprechen leider diese Dinge oft nicht mit ihren Kindern, weil es ihnen selbst unangenehm ist. Ich denke auch, dass es schwieriger ist, es beim eigenen Kind als in der Klasse zu thematisieren. Aber soweit bin ich mit meinem einjährigen Sohn noch nicht :)

Es wird Kinder geben, die kaum etwas wissen und andere werden schon recht gut aufgeklärt sein. Das macht das Thema doch gleich viel spannender!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die 3. und 4. Klasse sich dafür perfekt anbieten. Die Kinder sind schon neugierig, aber es ist ihnen noch nicht so unfassbar peinlich, wenn sie etwas noch nicht wissen. Sie trauen sich noch, Fragen zu stellen.


Stundenanfang

Ich sage euch gleich - im Normalfall reicht eine einzelne Unterrichtsstunde nicht aus. Das Thema ist so komplex und die Kinder sind (auch wenn sie schüchtern sind) so unfassbar neugierig. Plant dafür also ausreichend Zeit ein.

Ich beginne die Stunde immer gerne mit einem Bild einer Frau, eines Mannes und eines Babys im Sitzkreis und lasse die Kinder raten, worum es heute gehen wird. Wenn dann das richtige Thema angesprochen wird "Wie entsteht ein Baby" weise ich darauf hin, dass es heute darum gehen wird, wie ein Mensch entsteht, wie man im Vorhinein verhindern kann, dass man ein Kind bekommt und um den Körper - also auch um das Thema SEX wird es gehen.

An dieser Stelle kichern die Kinder meistens und sind schon peinlich berührt. Hier ist ganz wichtig zu sagen:

"So, und jetzt dürfen alle mal gerne lachen, wenn ihnen danach ist."

Die Scham ist ganz normal. Die Kinder sind noch so klein, auch der Lehrer darf gerne mitlachen.

Lachen hilft dabei, innerlichen Druck abzubauen. Wenn ihr also merkt, dass während der Stunde viel geplappert und gekichert wird, baut gerne mal wieder eine Lachsequenz ein. Mir hat das immer sehr geholfen und danach konnte immer viel konzentrierter weitergearbeitet werden.

Erarbeitung

Die Erarbeitung macht ihr am besten im Sitzkreis mit vielen Bildern und eventuell Videos am Smartboard. Ich habe dazu eine Kartei (LINK HIER) erstellt mit Informationskarten, Zuordnungsspielen, Partnerspielen und Lückentexten, sowie anderen Arbeitsblättern und Urkunden.

Darin findet ihr auch die Reihenfolge der Themen, wie ich sie immer gerne abarbeite.

Wichtig bei der Erarbeitung: Nicht nur reden - angreifen dürfen (Kondom), Karteikarten vorlesen oder vorstellen lassen, Bilder ansehen, ...


Wenn es organisatorisch möglich ist, würde ich die Klasse in Buben und Mädchen trennen und mit einer anderen sehr vertrauten Lehrerin in einen anderen Raum schicken (eventuell die Integrationslehrerin). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man dann viel besser auf die Körper des jeweiligen Geschlechts eingehen kann und sich die Kinder eher trauen, Fragen zu stellen.


Fragen stellen erlauben - aber wie?

Natürlich dürfen die Kinder Fragen stellen! Ich habe aber unterschieden zwischen sachlichen Fragen (zb.: Wie läuft Sex ab?) und persönlichen Fragen (Stellungen). Die sachlichen Fragen werden beantwortet, persönliche Fragen habe ich abgetan mit:


"Es gibt Dinge, die man erst dann selbst entdecken und kennenlernen muss/kann, wenn man selbst soweit ist. Jeder mag andere Dinge gerne."


Viele Kinder haben ein Problem damit (verständlicherweise!) manche Wörter oder Fragen laut oder vor einer Gruppe auszusprechen. Dazu habe ich in den folgenden Tagen nach der ersten Erarbeitung einen Sorgenfresser oder ein Säckchen in der Klasse positioniert. Darin durften die Kinder ihre anonymen Fragen aufschreiben und verstecken. In der nächsten Stunde habe ich diese dann beantwortet. So kann man sich gegebenenfalls auch auf die Antworten vorbereiten, wenn man sie nicht aus dem Stehgreif beantworten kann. Auch das kommt natürlich vor.


Themenauswahl

Das Thema Sexualerziehung ist so unfangreich. Natürlich kann man sich auf die Pubertät, den Körper und Geschlechtsverkehr begrenzen. Ich finde es aber toll gleich beim Thema zu bleiben und ausführlicher darauf einzugehen:

Schwangerschaft, Verhütung, Zwillinge, Transsexualität, Homosexualität...


Mit meiner letzten Klasse habe ich das Thema Sexualität gleich aufgegriffen, als ich schwanger wurde. Die Kinder wussten noch nichts davon. Ich habe ihnen dann in einer Doppelstunde alles mögliche rund um das Thema Verhütung usw erzählt. Dann bin ich darauf eingegangen, dass man unter anderem schwanger werden kann, wenn man nicht verhütet. Dazu habe ich dann meine ersten Ultraschallbilder meines Sohnes vergrößert und im Sitzkreis aufgelegt. Ich habe gesagt: "So sieht das Bild aus, wenn das Baby 5 Wochen alt ist, da ist es 9 Wochen und bei 12 Wochen sieht es schon aus wie ein kleiner Mensch und turnt wild herum." Die Kinder waren fasziniert, wie schnell sich das entwickelt. Zum Abschluss der Stunde habe ich dann gesagt: "Und dieses Kind auf den Fotos ist hier in unserer Runde. Es ist in meinem Bauch." Damit haben die Kinder nicht gerechnet, waren größtenteils sehr traurig, aber haben anschließend sogar Bilder für mein Baby gezeichnet. Wenn man also schwanger ist, bietet es sich sehr toll an, um das Interesse der Kinder am Thema noch mehr zu steigern. Wir haben dann noch einige Stunden dazu abgehalten und ich habe die Kinder an meiner Schwangerschaft teilhaben lassen. Sie durften also die aktuellen Bilder sehen und ich habe ihnen erzählt, wie groß und schwer mein Baby war.


Ich hoffe heute warten wieder einige brauchbare Tipps für euch dabei :)





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